Das 24. Türchen

Ich stand gerade vor dem Spiegel und betrachtete kritisch mein Äußeres, als mich der Weihnachtsmann besuchte

„Hohoho!“, sagte er mit tiefer, warmer Stimme, und es fühlte sich ein bisschen an, als käme ich nach Hause.

„Was wünscht du dir denn zu Weihnachten?“, fragte er mich, ohne lange zu zögern.

Ich zögerte auch nicht lange. Diverse Wunschzettel hatte ich bereits mit diesem einen Wunsch befüllt. Er lag mir auf der Zunge, glitzerte in meinen Augen, schwebte in jedem Wort, das ich sprach:

„Ich wäre gerne wunderwunderschön!“

Der Weihnachtsmann sah mich, musterte mich von oben bis unten. Seine gütiger Blick wurde kritisch, doch ich fühlte mich nicht unwohl, sondern vielmehr wie … gestreichelt. Es war, als krabbelten drei Meerschweinchen über mich hinweg.

Dann war es still. Der Weihnachtsmann hatte aufgehört, mich anzusehen und dachte nun nach. Unter der flauschigen, roten Bommelmütze bildete seine Stirn eine tiefe Denkerfurche.

Zeit verging, rannte davon, neue Zeit kam herbei, verging ebenfalls.

Dann nickte der Weihnachtsmann.

„Du warst in diesem Jahr besonders artig. Daher werde ich dir deinen Wunsch erfüllen.“

Sein weicher Lederhandschuh fuhr über mein Gesicht. „Schließ die Augen.“, sagte der Weihnachtsmann, und ich hörte das sanfte, gütige Lächeln, das in dieser Aufforderung steckte.

„Wenn du die Augen wieder öffnest, wirst du wunderwunderschön sein.“, versprach der Weihnachtsmann.

„Eins.“

Der Weihnachtsmann hatte zu zählen begonnen.

„Zwei.“

Ich fühlte ich warmes Kribbeln in meiner Brust.

„Drei.“

Ich öffnete meine Augen. Blickte in den Spiegel.

„Aber…“, sagte ich, schaute auf mein Spiegelbild, schaute auf den fröhlich lächelnden Weihnachtsmann, schaute wieder auf mein Spiegelbild.

„Ich sehe ja aus wie du!“

Der Weihnachtsmann nickte. „Wunderwunderschön“, sagte er zufrieden.

Er hatte recht.


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Das 23. Türchen

Eines Tages begegnete ich einer Weihnachtskarte.

Vielleicht hatte jemand sie liegen gelassen, vergessen. Vielleicht hatte jemand sie einfach nicht gemocht und einfach an erstbester Stelle unauffällig entsorgt.

Die Karte jedenfall wirkte traurig. Sehr traurig sogar. Zwei kleine tränenfeuchte Flecken wellten bereits das Papier, und es lag mehr als nahe, besorgt zu fragen: „Geht es dir gut?“

„Nein.“, schniefte die Weihnachtskarte. „Mir geht es gar nicht gut.“

„Was ist denn los?“

„Ach.“, sagte die Karte. „Eigentlich nicht viel.“

Die Karte schniefte erneut. Das Papier wurde feuchter.

„Es ist nur … Ich fühle mich nutzlos. Ich liege hier, und niemand braucht mich. Ich fühle mich so unendlich leer.“

Die Weihnachtskarte blickte mich an.

„Ich wünschte, jemand würde diese Leere füllen.“

Die Karte schniefte ein drittes Mal.

„Ich wünschte, jemand würde mich beschreiben.“

Ich betrachtete die Weihnachtskarte. Sie war wirklich hübsch. Das Papier war fest, hochwertig und hatte Struktur. Auf der Vorderseite war eine dicke Schneeflocke mit riesigen Kulleraugen abgedruckt, die „Frohe Schnei-Nachten“ rief. Im Inneren befand sich nichts, nur eine riesige weiße Fläche, die sehnsüchtig darauf wartete, dass jemand sie mit Buchstaben und Wörtern füllte.

„Okay.“, sagte ich zu der Weihnachtskarte. „Ich werde dich beschreiben.“

„Wuhuu!“, freute sich die Karte und drehte mir ihre Innenseite zu.

„Du bist eine Weihnachtskarte im Format DIN A6, einfach gefaltet, aus schwerem Papier, vermutlich 210 Gramm pro Quadratmeter. Auf deiner Vorderseite befindet sich ein hochwertiger Vierfarbendruck, der niedliche Schneeflocke zeigt…“

Ich redete ungefähr 23 Minuten lang.

Ich hatte ein Talent für Beschreibungen.


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Das 22. Türchen

Eines Tages begegnete ich einem Pups.

Er roch nicht sehr gut.

„Tut mir leid.“, sagte der Pups leise. „Ich rieche nicht sehr gut.“

Ich wollte antworten, doch war zu beschäftigt damit, die Luft anzuhalten.

„Ich kann nichts dafür.“, sagte der Pups.

Ich zuckte mit den Schultern. Viel mehr blieb mir nicht übrig.

„Wenn es nach mir ginge“, fuhr der Pups fort, „würde ich nicht stinken. Sondern ich würde wunderschön duften.“

Ich nickte langsam.

„Genau!“, bestätigte sich der Pups. „Ich würde gerne weihnachtlich duften.“

Prustend atmete ich aus. Ich konnte mich nicht länger zurückhalten.

„Du duftest bereits weihnachtlich!“, erklärte ich.

„Waas?“, fragte der Pups, und ein dicker Stinkschwaden kroch in meine Nase.

„Naja.“, sagte ich. „In der Weihnachtszeit essen die Leute besonders viel und besonders schwer. Logischerweise müssen sie dadurch auch mehr pupsen.“

Ich widerstand dem Drang, mir die Nase zuzuhalten.

„Es gibt also nichts Weihnachtlicheres als Pupse!“

„Wuhuu!“, freute sich der Pups und umarmte mich innig.

Ich hielt erneut die Luft an.


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Das 21. Türchen

Eines Tages begegnete jch einem Einhörnchen. Ich hatte tief und fest geschlafen und von Streuselkuchen geträumt, als plötzlich jemand in meinen Haaren herumwuschelte.
„Mmh.“, grüßte ich der Uhrzeit entsprechend eloquent.
Das Wuscheln ging weiter.
„Lassmichinruhe.“, nuschelte ich in mein Kopfkissen. „Schlafn.“
Das Wuscheln gewann an Intensität. Ich zwang mich, mein rechtes Auge ein wenig zu öffnen. Vor mir, direkt vor meinem Gesicht, saß ein flauschigrotes Fell.
„Gehweg.“, nuschelte ich müde. „Schlafn.“
„Entschuldigen Sie.“, sagte das Fell, „aber ich arbeite hier.“
„Mpf.“, antwortete ich. Um diese Uhrzeit ist mein Vokabular üblicherweise sehr beschränkt.
„Wissen Sie.“, fuhr das rote Flauschfell fort, „Ich bin ein fleißiges Eichhörnchen. Vielleicht das fleißigste weit und breit. Und daher tue ich das, was Eichhörnchen vor dem Winter immer tun: Ich verstecke Nüsse.“
Das Eichhörnchen begann wieder, durch meine Haare zu wuscheln.
„Haare.“, protestierte ich.
„Ihre Haare sind als Nussversteck sehr geeignet.“, bestätigte das Eichhörnchen.
Es wuschelte noch einmal kurz, dann gab es mir eine dicke, fette Kopfnuss.
„Au!“, rief ich, doch das rote Flauschfell war bereits verschwunden.


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Das 20. Türchen

Eines Tages begegnete ich einem Plätzchenteller.
„Mmh, lecker.“, dachte ich, und bevor auch nur der Hauch eines weiteren Gedankens in meinem Kopf an Form gewonnen hatte, hatte ich eines der leckeren Plätzchen in meinen Mund gestopft und verschlungen.
„Mmh, lecker.“, dachte ich erneut, freute mich über den leckeren Plätzchengeschmack im Mund und betrachtete die übrigen Plätzchen auf ihrem Teller.
„Eins ist genug.“, sagte ich, mehr zu mir selbst als zu den Plätzchen.
Dann begann mein Bauch zu grummeln.
„Nanu?“, wunderte ich mich.
Mein Bauch grummelte ich erneut. Ich beugte mich hinunter, hörte ganz genau hin. Fast klang es, als bildeten sich dort Wörter, fast klang es, als weinte dort jemand, als sei dort jemand einsam und allein.
„Sollte ich noch mehr Plätzchen essen?“, fragte ich laut in den Raum hinein. Das Grummeln meines Bauchs verstummte.
„Das Plätzchen in mir fühlt sich bestimmt einsam.“, dachte ich und aß ein weiteres. Und noch eins. Und noch eins. Und weil sie so gut schmeckten, ein weiteres.
Dann war der Teller leer. Ich lauschte meinem Magen, doch er schwieg. Anscheinend war niemand mehr einsam.
Ich wollte schon gehen, da fiel mein Blick auf den leeren Teller. Plötzlich, ohne seine Plätzchen, wirkte er sehr traurig. Und einsam.
„Na gut.“, sagte ich und verschlang auch ihn.


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Das 19. Türchen

Es war eisig auf meinem Balkon, und der Wetterbericht hatte diverse Zentimeter Schnee angekündigt. „Ich muss was tun!“, sagte ich mir, schnappte mir einen dicken, fettigen Meisenring und montierte ihn fachgerecht am Geländer.
„Damit ihr nicht verhungern müsst.“, sagte ich zu den potentiellen Vögeln, die sich vermutlich alsbald an den Kernen im Meisenring laben würden.
„Danke.“, hörte ich eine Piepsstimme sagen und musste sämtliche Augen zusammenkneifen, um das kleine Wesen zu entdecken, das da vor mir auf dem Balkongeländer saß: ein Insekt!
„Wieso ‚Danke.‘?“, fragte ich verwirrt.
„Danke für den Meisenring.“, sagte das Insekt.
„Gern geschehen.“, antwortete ich reflexartig, bevor mein Denken einsetzte. „Aber der ist für die Vögel bestimmt!“
Das kleine Insekt schüttelte den Kopf, eine Bewegung, die ich mehr erahnte als sah: „Dieser Meisenring ist für uns.“
„Für uns?“, wollte ich fragen, doch bevor ich die Frage ausgesprochen hatte, krabbelten plötzlich auf dem Geländer zahlreiche weitere Insekten herum.
„Der Meisenring ist für Meisen!“, wiederholte ich.
Diesmal nickte das Insekt. „Für alle Arten von Meisen!“, bestätigte es.
Ich schaute mir einem Gesprächspartner und seine Freunde genauer an.
„Ihr seid Ameisen!“, stellte ich verblüfft fest.
„Und das ist ein Meisenring!“, rief ich in plötzlicher Erkenntnis.
Die Ameise nickte erneut. „Für alle Arten von Meisen.“
Verdutzt sah ich den zahlreichen Krabblern zu, wie sie den Meisenring erklommen und bevölkerten.
„Hier soll es hungrige Vögel geben.“, sagte ich leise und verabschiedete mich. „Passt auf euch auf!“


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Das 18. Türchen

Eines Tages begegnete ich einem Eiszapfen. Glasklar und glitzerdünn hing er an einem Straßenschild und hmpfte.
„Wie bitte?“, fragte ich.
„Hmpf.“, machte der Eiszapfen. Dann noch einmal „Hmpf.“
„Ist alles okay?“, fragte ich ihn, doch abgesehen von ein paar weiteren Hmpfs war nicht viel aus ihm herauszubekommen.
Ich stand noch eine Weile herum und starrte ihn an, bis die Kälte begann, unter meinen Mantel zu krabbeln. „Machs gut.“, sagte ich und ging nach Hause.

Am nächsten Tag begegnete ich dem Eiszapfen erneut. Er hatte gehörig an Länge gewonnen, war riesengroß und prachtvoll, fast zwei Meerschweinchen lang. Ich blieb stehen, um ihn zu bewundern.
„Hallo.“, grüßte ich.
„Hmpf.“, sagt der Eiszapfen, doch diesmal schien ich ihn besser zu verstehen.
„Geht es dir gut?“, fragte ich.
„Hmpf!“, antwortete er, und für einen Augenblick wackelte das ganze Straßenschild.
„Kann ich dir helfen?“, fragte ich.
Der Eiszapfen hmpfte, das Straßenschild wackelte erneut, und ich hatte den Eindruck, als wäre der Eiszapfen ein Stück gewachsen.
„Du willst nach unten?“, fragte ich vorsichtig.
„Hmpf!“, rief der Eiszapfen voller Begeisterung und ließ das Schild stärker wackeln als zuvor.
„Kein Problem.“, sagte ich, und bevor ich darüber nachdenken konnte, was ich hier eigentlich tat, hatte ich mit ganzer Kraft gegen das Straßenschild getreten.
Es wackelte mächtig!
Und dann begann der Eiszapfen zu fliegen, hatte sich losgelöst von seinem Schild, seiner Wurzel, flog direkt, in geradester Linie dem Boden entgegen, fing noch ein paar Wintersonnenstrahlen, glitzerte mich vergnügt an – und zerschellte dann klirrend auf dem Beton.
Ich hatte noch nie so einen fröhlichen Klang gehört. Es war, als befreite sich ein Lachen und hüpfte hinaus in die Welt.
„Hmpf.“, sagte ich zum Abschied und ging.


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Das 17. Türchen

Eines Tages begegnete ich einem Lebkuchen.
„Hallo.“, sagte ich, denn Lebkuchen sind mir grundsätzlich sympathisch.
„Hallo.“, grüßte der Lebkuchen mit einer angenehm weichen Stimme.
Ich hatte nicht viel Erfahrung mit Lebkuchenkommunikation und befand mich bereits jetzt in einer Dialogsackgasse.
„Du bist ein Lebkuchen.“, stellte ich unbeholfen fest.
Der Lebkuchen nickte sanft. Ich hatte noch nie einen Lebkuchen nicken gesehen, und wenn ich nicht schon vorher um Worte verlegen gewesen wäre, hätte mir der Anblick die Sprache geraubt. Das Lebkuchennicken sah zugleich anmutig und niedlich aus, irgendwie süß und … lecker?
„Ich bin ein Lebkuchen.“, bestätigte der Lebkuchen. „Genauer: Ein Elisenlebkuchen.“
Ein Elisenlebkuchen! Das hätte ich früher sehen müssen. Die runde Form war unverkennbar.
„Mach dir nichts draus.“, sagte der Lebkuchen, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Das geht allen so.“
Der Lebkuchen seufzte. „Niemand achtet auf mein Äußeres.“
„Aber…“, wollte ich entgegnen, doch der Lebkuchen fuhr fort:
„Menschen sind nunmal so. Sie achten nur auf das Innere. Das Äußere ist ihnen egal!“
Der Lebkuchen blickte mir in die Augen.
„Sieh mich an. Schau auf meine wunderschöne Rundung, schau, wie gleichmäßig sich die Vollmilchschokolade auf meinem Körper verteilt, schau, wie gewitzt der Oblatenboden unter mir hervorragt, schau, wie formvollendet und handlich ich bin, schau!“
Ich schaute.
„Du schaust nicht richtig, nicht mit den Augen. Du schaust mit deinem Bauch, mit deiner Nase. Du schaust mit deiner Zunge, mit deinem Kopf. Du spürst die sättigende Verlockung, die in mir wohnt. Du riechst, wie sich mein süßlich feines Aroma aus meiner Mitte entspringend in die Lüfte erhebt. Du ahnst bereits jetzt, wie wundervoll sich mein Teig auf deiner Zunge anfühlen, wie lecker meine Zutaten schmecken werden. Dein Kopf ist angefüllt mit Gedanken, die allesamt auf mein Inneres gerichtet sind, auf meine unwiderstehliche Süße, auf meinen herrlichen Geschmack, auf das spielerische Bröseln beim Teilen meines Teigs, auf die wohlige Sattheit, die ich mit mir trage.“
Der Lebkuchen seufzte erneut.
„Doch auf mein Äußeres achtest du nicht.“
Der Lebkuchen hatte recht! Es hätte nicht seiner Beschreibung bedurft, denn längst sogen meine Nasenlöcher gierig seinen Duft ein. Längst hatten sich Speichelpfützen der Erwartung auf meiner Zunge gebildet. Längst knurrte mein Magen vor Sehnsucht. Längst hatte ich mir vorgestellt, wie befriedigend es wäre, endlich in diesen deliziösen Lebkuchen beißen zu können.
Nein!, mahnte ich mich. Ich musste Abstand wahren, musste auch das Äußere des Lebkuchens betrachten!
Ich räusperte mich, nahm mich zusammen, betrachete das warme Schokobraun, glitt mit den Blicken an den Kurven entlang, erhaschte vergnügt Spuren der hervorschauenden Oblate, lobpries die Schönheit des Lebkuchens in Gedanken.
Ein Gedicht wollte ich sprechen! Ein Lied wollte ich singen! Nur um die Pracht des Lebkuchens zu ehren. Worte sprudelten in mich hinein, wollten voller Stolz, voller Zuneigung, voller Liebe verkündet werden. Ich wollte dem Lebkuchen antworten, doch ich konnte es nicht.
Mein Mund war voll mit Lebkuchenteig.


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Das 16. Türchen

Ich hatte das Bibliotheksgebäude noch nicht einmal verlassen, da begegnete ich einem Weihnachtsbaum. Ich hatte viele Bücher gelesen und noch mehr ausgeliehen, und sowohl Kopf als auch mein Rucksack waren schwer vor Wissen.
Der Weihnachtsbaum war nicht groß, aber er stand stolz und gerade und begrüßte alle Hinein- und Hinausgehenden mit grüner Pracht.
„Hallo.“, sagte ich, und Begeisterung durchtränkte meine Stimme. Dies war wirklich ein wunderschöner Weihnachtsbaum.
„Guten Tag.“, antwortete der Weihnachtsbaum förmlich und ein wenig reserviert. ‚Stimmt ja.‘, dachte ich und erinnerte mich an das, was ich vor wenigen Minuten noch in einem der dicken Bibliotheksbücher gelesen hatte. ‚Weihnachtsbäume sind oft förmlich und ein wenig reserviert.‘ Ich beschloss, den Weihnachtsbaum vorsichtshalber zu siezen.
„Sie haben ein sehr schönes Nadelkleid.“, sagte ich. ‚Nadelkleid‘ war ein Wort, das ich gerade gelernt hatte, und ich war ein wenig stolz, es sofort benutzen zu können. Und auch wenn ich nicht ganz verstand, warum es ein Kleid sein sollte, hatte ich nicht übertrieben: Die Nadeln des Weihnachtsbaums waren wundervoll.
Ich schaute genauer hin.
„Sie sind eine Tanne.“, stellte ich fest. „Fichten haben ihre Nadeln nur auf der Oberseite des Zweiges. Tannennadeln jedoch sind rund um den Zweig herum angeordnet.“
Ich war ein bisschen stolz auf meine Beobachtung. Tatsächlich hatte der Weihnachtsbaum überall Nadeln. Sie verteilten sich nicht nur auf allen Seiten der Äste, sondern sogar um den Stamm herum.
Der Weihnachtsbaum schwieg. Es war ein majestätisches Schweigen, und ich wertete es als Zustimmung.
Ich betrachtete das saftige Grün des Weihnachtsbaumes, seine spitzen, eleganten Nadeln, und beschloss, dass es Zeit war zu gehen.
„Vielen Dank für das angenehme Gespräch.“, sagte ich. „Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“, sagte der Kaktus.


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Das 15. Türchen

Eines Tages begegnete ich einem Geschenk.
Weihnachten näherte sich mit sanften Schritten, und überall gab es Geschenke. Daher war ich wenig verwundert, als ich das Geschenk entdeckte. Doch als ich genauer hinsah, wurde ich stutzig:
Das Geschenk war traurig.
Ein trauriges Geschenk hatte ich noch nie gesehen. Geschenke sollen Freude bringen, sollen Lächeln auf Lippen, Wärme in Herzen zaubern. Geschenke sind so ziemlich das gegenteiligste Gegenteil von Trauer.
Doch dieses Geschenk war ganz eindeutig traurig.
„Hallo?“, fragte ich leise, um das Geschenk nicht zu erschrecken. Es reagierte nicht, lag einfach nur da und war traurig.
„Geht es dir gut?“, fragte ich flüsternd, obwohl ich die Antwort bereits kannte. Nein, dem Geschenk ging es nicht gut.
„Fehlt dir etwas?“, fragte ich, und zum ersten Mal glaubte ich, eine Reaktion erkennen zu können. Das Geschenk nickte, nur ein bisschen, ganz wenig.
Ich kniff die Augen zusammen, versuchte, sehr genau hinzuschauen. Was war es, das dem Geschenk fehlte? Was konnte es sein?
Ich schaute lange, vielleicht zwei, vielleicht fünf, vielleicht siebzehn Minuten. Dann bemerkte ich es! Etwas fehlte!
„Dir fehlt eine Schleife! Du brauchst eine Schleife!“, rief ich.
Und bevor das Geschenk ein zweites Mal nicken konnte, hatte ich eine Schleife besorgt:

Eines Tages begegnete ich einem Geschenk.
Weihnachten näherte sich mit sanften Schritten, und überall gab es Geschenke.


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Das 14. Türchen

Eines Tages begegnete ich einem Mistelzweig.
Ich ging gerade nach Hause, als ich von oben eine Stimme vernahm: „Hallohallo!“
Mistelzweige sind nunmal so. Sie quatschen einfach drauflos.
„Es ist allgemein üblich, dass man sich unter einem Mistelzweig küsst.“, sagte der Zweig, und für ein Gewächs hatte er eine zauberhafte, fast sinnliche Stimme.
Ich blickte nach oben, und über mir hing nicht nur ein Mistelzweig, nein, dort hin eine ganze Mistel. In voller Pracht.
„Sind Misteln nicht Parasiten?“, fragte ich nachdenklich. „Klebt ihr nicht an Ästen und ernährt euch von dem, was der Baum euch gibt?“
Die Mistel antwortete nicht, ließ mich weiterreden:
„Warum sollte ich auf dich hören? Warum sollte ich das befolgen, was mir jemand sagt, der andere ausnutzt?“
Die Antwort der Mistel ließ nicht lange auf sich warten:
„Es ist eher eine Symbiose. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen.“
„Und was gibst du dem Baum?“, wollte ich wissen.
„Nicht ich.“, antworte die Mistel und raschelte mit ihren kleinen Blättern. Sie lachte. Redete weiter:
„Es ist allgemein üblich, dass man sich unter einem Mistelzweig küsst.“, sagte sie.
„Aber wen soll ich denn küssen?“, regte ich mich auf. „Ich bin hier doch ganz allein!“
„Nicht ganz.“, antwortete die Mistel und raschelte erneut.
Zum ersten Mal bemerkte ich den Baum, an dem die Mistel hing. Es war ein großer, schöner Baum, mit gesunden, starken Ästen. Er wirkte sehr sympathisch.
Und er sah aus, als freute er sich darauf, von mir geküsst zu werden.


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Das 13. Türchen

Eines Tages begegnete ich einer Blume. Ich bin kein Botaniker, aber eine Blume erkenne ich, wenn ich sie sehe.

Diese Blume war betrübt. Das war eindeutig.

„Was ist denn los?“, fragte ich.

Die Blume ließ den Kopf hängen, schniefte ein wenig, antwortete aber nicht.

„Was ist denn los?“, fragte ich erneut.

„Das verstehst du nicht.“, nuschelte die Blume.

„Was ist denn los?“, fragte ich ein drittes Mal.

„Hmpf.“, machte die Blume, und ich muss gestehen, dass ich dieses Geräusch noch nie zuvor von einer Pflanze vernommen hatte. „Hmpf!“, machte sie erneut und erklärte:

„Es ist ja so: Seitdem sich mehrfach verglaste Fenster durchgesetzt haben, gibt es im Winter kaum noch Eisblumen. Sie sind zur Seltenheit geworden.“

Die Blume hob den Kopf.„Seltenheiten sind wertvoll. Gold ist nicht deswegen so teuer, weil es so hochwertig ist, sondern weil es selten vorkommt.“

Die Blume blickte mich an, wartete, bis ich ihren Gedankengängen gefolgt war.

„Eisblumen sind wertvoll.“, sagte sie und ergänzte dann ganz leise: „Ich möchte auch wertvoll sein.“

Ich schwieg ein wenig. Das konnte ich ganz gut. Außerdem erhöhte es den dramatischen Effekt.

Dann begann ich zu reden.

„Schau dich um, liebe Blume. Es ist eiskalt. Mitten im Winter stehst du hier und blühst, hebst deinen Kopf und möchtest wertvoll sein. Dabei nicht nur widerstehst du der Kälte, sondern schenkst auch der trüben Winterlandschaft einen zauberhaften Tupfer schönster Farbe.“

Ich schaute auf die Blume, und mir kam es so vor, als hätten sich ihre Blütenblätter zu einem Lächeln ausgebreitet.

„Du bist nicht nur selten, nicht nur wertvoll, sondern wundervoll!“

Die Blume strahlte vor Freude.

„Danke.“, sagte sie.

„Nichts zu danken.“, sagte ich und reichte ihr mein Schokoeis.

„Machs gut, meine Eisblume.“, sagte ich und ging.


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Das 12. Türchen

Eines Tages begegnete ich einem Känguru. Einem echten Känguru!

Es stand einfach so an der Fußgängerampel und wartete darauf, dass das grüne Licht erschien. Autos rasten vorbei, und niemand kümmerte sich darum, dass hier ein echtes Känguruh an der Ampel stand.

„Was machst du denn hier?“, frage ich verwundert. 

Das Känguru drehte den Kopf und grinste mich verschmitzt an:

„Ich bin der Weihnachtsmann!“

„Was?!?“, rief ich. Meine Verwunderung wuchs.

„Ich bin der Weihnachtsmann!“, wiederholte das Känguru und richtete seinen Blick wieder auf das rote Ampellicht.

„Das kann doch nicht sein!“, rief ich erregt. „Der Weihnachtsmann hat einen Bart und einen Mantel und einen dicken Bauch!“

Die Ampel schaltete auf Grün.

„Und Schnee! In Australien gibt es doch gar keinen Schnee!“

Das Känguru setzte sich in Bewegung. 

„Und außerdem hat der Weihnachtsmann einen riesigen Sack voller Geschenke!“

„Ich bin der Weihnachtsmann!“, sagt das Känguru noch einmal und hüpfte über die Straße.

Etwas Kleines, Blaues fiel aus seinem Bauchbeutel.

„Hey! Du hast was verloren!“, rief ich, rannte auf die Straße und hob es auf. Es war ein Geschenk. Ein echtes Geschenk mit Geschenkpapier und Schleife.

„Frohe Weihnachten!“, rief das Känguru von der anderen Straßenseite und hüpfte davon.


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Das 11. Türchen

Eines Tages begegnete ich einem Raum. Er war nicht zu groß, nicht zu klein, eigentlich genau richtig. Und er war traurig. Das spürte ich sofort, als ich ihn betrat.

„Hach.“, seufzte der Raum.

„Warum bist du denn so traurig?“, fragte ich, stand inmitten der Wände und wusste nicht so genau, wohin ich blicken sollte.

„Weißnicht.“, antwortete der Raum ganz leise.

Der Raum sah normal aus. Wie ein Wohnzimmer: Esstisch, Couch, Regale, Bilder an den Wänden, Lampen, ein Fransenteppich und diverse fröhlich sprießende Pflanzen auf dem Fensterbrett.

Der Raum seufzte wieder.

Ich trat einen Schritt zurück, um mir einen besseren Überblick machen zu können, lehnte mich an die Wand.

Der Raum seufzte erneut, diesmal vor Glück.

„Was…?“, begann ich und drückte probeweise meinen Körper noch ein wenig fester gegen die weiße Tapete.

Der Raum schwieg nun, doch es war ein Schweigen aus Wonne.

„Mmh.“, machte ich und begann zu überlegen. Die restlichen Wände krochen langsam auf mich zu, wollten ebenfalls gekuschelt werden. Allmählich wurde es eng hier.

„Ich komme wieder.“, sagte ich und entfloh.

Die Party war ein voller Erfolg. Ich hatte viel zu viele Leute eingeladen, und dennoch gab es genug Erdnussflips und Sprudellimonade für alle. Nur an Sitzmöglichkeiten mangelte es merkwürdigerweise, und die Gäste lehnten sich zuhauf an die Wände.

„Dasmüssenwirwiedermachen.“, sagte der Raum anschließend, vor Freude strahlend.

Ich nickte und streichelte zärtlich die Tapete.


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Das 10. Türchen

Eines Tages begegnete ich einem Eichhörnchen. Es sah traurig aus, und von Mitgefühl überschwemmt fragte ich leise: „Was ist denn los?“

„Ich habe meine Nüsse verloren.“, schluchzte es. Mir zerbrach es das Herz, das kleine, knuddlige Tierchen so tieftraurig sehen zu müssen.

„Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte ich. Irgendwas musste es doch geben, das das Eichhörnchen wieder aufheitern konnte.

„Kannst du mir helfen, meine Nüsse wiederzufinden?“, fragte es mit piepsiger Stimme.

Ich nickte, schließlich kannte ich mich aus. Im Herbst sammelten Eichhörnchen Nüsse und Eicheln und Samen und versteckten sie gut. Im Winter dann suchten sie die Verstecke auf, um sich an ihren Vorräten zu laben. Und wenn sie ein Versteck vergaßen, konnte es passieren, dass dort eine neue Eiche oder ein Nussbaum entstand.

„Weißt du, wo deine Nüsse ungefähr sein könnten?“

Diesmal nickte das Eichhörnchen. „Da lang, glaube ich.“, sagte es leise und zeigte nach links. Mir war jede Richtung recht, doch links war schon immer eine meiner Lieblingsrichtungen.

Wir liefen ein wenig. Das Eichhörnchen blieb immer wieder stehen, buddelte, schnupperte, sah sich um.

„Da lang, glaube ich.“, sagte es immer wieder, um wieder innezuhalten, wieder die Luft zu riechen, zu graben und sich umzublicken.

„Da lang.“, sagte es wieder und wieder, bis ich irgendwann fündig wurde.

„Da sind Nüsse.“ Ich zeigte auf den Berg aus Nüssen, der sich meinen suchenden Augen erfolgreich präsentiert hatte.

„Da sind sie ja!“, rief das Eichhörnchen begeistert, zog einen Beutel chilenischer Walnüsse aus dem Regal und verschwand damit aus dem Supermarkt.

„Vergiss nicht zu bezahlen.“, rief es noch, dann schloss sich die Glastür hinter ihm.


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Das 9. Türchen

Eines Tages begegnete ich einem Sonnenstrahl.

Es hatte den ganzen Morgen geregnet, doch nun, da mein Magen brummend die Mittagszeit verkündete, schwiegen die Himmelstropfen, und die Sonne lugte schüchtern aus dem wattigen Grau hervor. Einzelne Strahlen drängelten sich an wuchtigen Wolken vorbei gen Erde, und der Anblick war zu schön, zu wundervoll, um nicht innezuhalten und erwärmten Herzens nach oben zu schauen.

Ein einzelner Strahl ragte direkt zu mir herunter, als wolle er auch meine Haut mit Wärme belegen, als wolle er an meiner Nase kitzeln, Schabernack mit mir treiben.

„Hallo.“, sagte ich, dem Sonnenstrahl meine übliche Begrüßung sendend.

„Du bist überhaupt kein Strahl.“, ergänzte ich, ohne eine Antwort abzuwarten.

„Denn geometrisch betrachtet gehen Strahlen zwar immer von einem Anfangspunkt aus.“ Ich wies in Richtung der noch schüchternen Sonnenkugel. „Am anderen Ende jedoch gibt es kein Ende. Theoretisch setzen sich Strahlen in eine Richtung unendlich lange fort.“

Der Strahl schwieg. Ich ließ mich nicht beirren.

„Wenn du also beispielsweise auf meine Haut triffst, sie mit Sonnenwärme bedeckst, dann besitzt du einen Anfang und ein Ende – und bist somit eine Strecke.“

Der Strahl schwieg. Das konnte er offensichtlich ziemlich gut.

„Sobald du also auf mich triffst, bist du kein Strahl mehr.“, erklärte ich.

Der Strahl schwieg weiter, ignorierte mich und zog an mir vorbei in Richtung Unendlichkeit.


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Das 8. Türchen

Eines Tages begegnete ich einem Rentier.

Es war ein prachtvolles Rentier, und ich musste es unbedingt ansprechen.

„Hallo!“, grüßte ich, ein wenig schüchtern.

„Hallo.“, sagte das Rentier freundlich.

„Du hast gar keine rote Nase.“, stellte ich fest.

„Nein, habe ich nicht.“, antwortete das Rentier, an seiner Freundlichkeit festhaltend.

„Kennst du Rudolph, das rotnasige Rentier?“, fragte ich.

„Nein, tut mir leid.“, entschuldigte sich das Rentier.

„Wirklich nicht?“, hakte ich nach.

„Nein, wirklich nicht.“

„Nicht mal so ein bisschen?“

„Nein, gar nicht.“ Das Rentier entschuldigte sich erneut: „Tut mir leid.“

„Macht ja nichts.“, sagte ich und warf sofort die nächste Frage hinterher:

„Und den Weihnachtsmann? Kennst du den Weihnachtsmann?“

Das Rentier schüttelte langsam seinen riesigen Kopf: 

„Nein, auch den kenne ich nicht. Zumindest nicht persönlich.“

„Och.“, machte ich. Ich war ein bisschen enttäuscht. Im Leben bietet sich nicht oft die Gelegenheit, einem echten Rentier zu begegnen. Und wenn dieses dann gar nichts mit dem Weihnachtsmann zu tun hat, dann ist das natürlich äußerst bedauerlich.

„Eine Frage habe ich noch.“, meinte ich, denn ich hatte plötzlich eine Idee. Das Rentier blickte mich so geduldig an, wie es nur Rentiere vermochten.

„Bist du überhaupt ein Rentier?!?“

„Nein, bin ich nicht.“, sagte das Rentier, wieherte freundlich und galoppierte in großem Bogen davon.


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Das 7. Türchen

Es schneite. Es regnete. Es scheeregnete.

Ich blickte in den wolkengrauen Himmel hinauf und schimpfte:

„Dieses Wetter hat noch nicht einmal ein richtiges Verb! Entscheide dich mal! Bist du Regen? Oder bist du Schnee?“

Der Schneeregen hielt kurz inne, als dächte er nach. Dann schneeregnete es weiter. Doch es fühlte sich an, als fielen Schnee und Regen nun zögerlicher, zaudernder.

„Ich weiß es nicht.“

Wind und Tropfen und Flocken vereinten sich zu Wörtern, bildeten eine Stimme, die eher Hauch als Laut war, die ich eher auf meinen Wangen spürte als dass sie in meine Ohren drang.

„Ich weiß es wirklich nicht.“, hauchte die Stimme, und sie klang hörbar traurig. Der Schneeregen wurde feuchter.

„Ich habe lange darüber nachgedacht, wer ich bin. Was ich bin. Doch ich weiß es nicht.“ Die Stimme schluckte kurz. „Ich bin mittendrin. Ein bisschen Schnee. Ein bisschen Regen. Doch nichts davon wirklich.“

Ein befremdliches Geräusch erklang, und es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass die Stimme weinte. Dass der Schneeregen weinte.

Ich schaute nach oben, und was mir jetzt entgegenfiel, war reiner Regen. Kein Schnee, kein Eis, nur Regen, kalter Regen.

„In diesem Augenblick bis du Regen.“, sagte ich.

„Wirklich?“, fragte der Schneeregen schniefend.

„Ja. Anscheinend werden deine Tränen zu Regentropfen.“

„Das ist ja wunderbar!“, freute sich der Schneeregen. „Dann bin ich jetzt Regen!“

Die ersten Schneeflocken schwebten herab.

„Nun ja.“, sagte ich. „Du musst aber weiterweinen.“

„Och.“, sagte der Schneeregen enttäuscht. „Muss ich dann immer traurig sein?“

Ich dachte kurz nach und schüttelte dann den Kopf.

„Nein. Es gibt ja auch Freudentränen!“

„Wuhuu!“, rief die Stimme.

Und dann begann es zu regnen.


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Das 6. Türchen

Eines Nachts begegnete ich dem Mond. Prachtvoll und schwer hing er am Himmel, strahlte über die Stadt, über mich, hinweg mit silberwarmem Glanz. Mein Herz war angefüllt mit seinem Licht.

„Hallo Mond!“, sagte ich. „Ich glaube, ich mag dich.“

Der Mond schwieg, zeigte stumm sein blasses, freundliches Gesicht.

„Weißt du, lieber Mond“, fuhr ich fort, „In Nächten wie diesen fühle ich mich dir nahe. Fühle ich mich, als könnte ich dich berühren. Als teilten wir ein Geheimnis.“

Der Mond schwieg weiterhin. Ich hingegen redete.

„Wenn ich ehrlich bin, lieber Mond, ist es ein bisschen, als ob…“

Der Mond schnaubte.

Verdutzt hielt ich inne.

„Hast du gerade geschnaubt?“, fragte ich.

„Ja, habe ich!“, rief der Mond. „Und ich werde es nochmal tun, wenn du weiterredest!“

„Ich bin der Mond. Die halbe Erde kann mich sehen. Und überall gibt es irgendwelche Menschen, die glauben, mit mir reden zu können, die glauben, mir nahe zu sein, die glauben, ich könnte ausgerechnet ihre Sehnsüchte und Träume verstehen. Hunderte, tausende Menschen.“

Ich glaube, wenn der Mond Arme besessen hätte, hätte er wild mit ihnen herumgefuchtelt. Er war wirklich sehr aufgebracht..

„Und die Tiere erst! Hunde, Wölfe, aber auch Meerschweinchen und Kolibris, Maulwürfe und Seepferdchen! Alle reden mit mir!“

„Und Pflanzen sowieso. Seealgen, Sonnenblumen, Magnolien, Moos. Alle reden mit mir!“

Ich war ein wenig eingeschüchtert, versuchte, mich kleiner zu machen, in mich hineinzuschrumpfen. Doch der Mond polterte weiter:

„Ich bin so viel größer als ihr alle, so viel schwer, gewaltiger, himmlischer! Wieso glaubst du, dass ich ausgerechnet zu dir spreche, Winzling?“

Ich räusperte mich. „Hast du nicht eben gerade auf meine Frage reagiert?“

„Nein, habe ich nicht nicht!“, rief der Mond und schmollte.


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Das 5. Türchen

Ich lief gerade nach Hause, tief in Gedanken versunken, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, den Kopf von Schal und Mütze umkränzt, als ich einer Schneeflocke begegnete.

Sie lag auf dem Boden und wirkte außerordentlich sympathisch.

„Hallo.“ sagte ich.

„Hallo.“, sagte die Schneeflocke und fing sogleich an, Konversation zu betreiben. „Heute ist es ein bisschen wärmer, oder?“

Ich schwieg kurz, nickte dann. Meine dicken Winterklamotten waren für das heutige Wetter etwas übertrieben.

„Morgen soll es wieder kälter werden.“, sagte ich. „Hab ich im Radio gehört.“

Die Schneeflocke sah mich an, sah wieder weg, sagte nichts. Dann flüsterte sie etwas.

„Entschuldigung. Wie bitte? Ich habe dich nicht ganz verstanden.“, sagte ich.

Die Schneeflocke flüsterte erneut: „Ich fühle mich komisch.“

Ich sah sie an.

„Aber du siehst super aus!“, entgegnete ich und meinte es ernst. Sie sah wirklich super aus.

„Na dann ist ja gut.“, antwortete die Schneeflocke, und das Gespräch war vorbei.

Ich blickte noch einmal auf mein Spiegelbild in der kleinen Pfütze und ging.


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